KI (künstliche Intelligenz) Philyra hat gelernt Parfüms zu machen. Das erste «Computerparfüm» aus der Kooperation von IBM und Symrise kam 2019 in Brasilien auf den Markt. 2022 stellte Symrise Philyra 2.0 vor – eine verbesserte Version der KI, die mehr Wert auf Nachhaltigkeit legt. Was bedeutet es für Konsumenten und Parfümeure? Analyse eines Trends, der die Zukunft der Parfüm-Industrie prägen wird.
Philyra: Kooperation von Big Data & Big Fragrance
Der Algorithmus von Philyra (der Name Philyra, aus dem Altgriechischen übersetzt, bedeutet „Begleitung der Kreation“) basiert auf Watson von IBM – der an Unternehmen gerichteten KI Plattform, die für viele verschiedene Branchen angepasst werden kann. Diese Künstliche Intelligenz hatte ihren ersten großen Auftritt vor der breiten Öffentlichkeit, als sie, lange vor ChatGPT, 2011 in Jeopardy gewann und danach unter dem Namen Chef Watson neue Gerichte auf den Teller zauberte.
Diese Einsätze waren aber eher als PR-Aktionen gedacht. IBM entwickelt das Programm ständig weiter, die aktuelle Version davon heißt watsonx.ai. Die wichtigsten Anwendungen für dieses Big Data verarbeitende Computermodell liegen im B2B Bereich und laufen im Hintergrund ab, unbemerkt für die Endverbraucher. Arbeit mit Duftstoffen ist ein solches Feld, in dem IBM und Symrise, einer der Big Five Player der Fragrance-Welt, eine Partnerschaft eingegangen sind.
Bei Symrise glaubt man, dass der Einsatz von künstlicher Intelligenz die erste wirkliche Innovation in der Parfümindustrie seit den 1980ern ist, als man anfing synthetische Moleküle in Parfüms einzubauen. (Eine weitere Innovation, die frischen Wind in die Parfümbranche bringen kann, ist die Entwicklung von echten Wasser-Basierten Düften)
Normalerweise dauert die Entwicklung eines neuen Duftes sechs Monate bis vier Jahre. Philyra brauchte nur einige Tage, um paar neue und interessante Ideen zu entwickeln. Der Algorithmus probiert ständig neue Variationen aus und optimiert diese. Ein unermüdlicher Ideengenerator.
Symrise ist auch generell ein ziemlich innovatives Unternehmen. Erst vor kurzem haben sie 6 Millionen Dollar in das Start-up Phlur investiert. Die Firma vermarktet ihre ökologisch und gesundheitlich sauberen Parfüms ausschließlich online anhand der Präferenzen der Konsumenten.
Mit Missing Person landete Phlur kurz danach den Mega-Hit. Das Parfüm löste einen regelrechten TikTok Hype aus und sorgte dafür, dass die Marke rund um den Globus bei Millennials bekannt wurde. Leider verkauft Phlur die Parfüms nur in den USA.
Das deutsche Symrise ist nicht das einzige Unternehmen, das sich mit dem Thema KI beschäftigt. Alle großen Duftstoffproduzenten experimentieren und entwickeln ihre KI-Algorithmen. Die Schweizer Firma Givaudan nennt ihr Programm “Carto”, Firmenich mit dem Hauptsitz in Genf hat “Scentmate” und die Amerikaner von IFF arbeiten mit “Codex”. Sie alle sehen Künstliche Intelligenz als die Voraussetzung für eine profitable Zukunft in der Branche.
Wie funktioniert KI bei Parfümherstellung?
IBM (genauer gesagt, IBM Research) und der Duftstoffproduzent Symrise kreieren gemeinsam Parfüms mithilfe von künstlicher Intelligenz.
Das KI-Programm Philyra analysiert die Datenbanken von Symrise, die durch 200 Jahre erfolgreicher Arbeit auf dem Duftmarkt entstanden sind. Dabei schaut das neuronale Netzwerk sich die 3,5 Millionen chemische Formeln, Informationen über deren kommerziellen Erfolg in unterschiedlichen Ländern bei verschiedenen Käufergruppen, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Duftfamilie (holzig, blumig usw.), Genderzuschreibungen und den Grad, zu welchem die Menschen den Duft im Allgemeinen als angenehm empfinden, an.
Die Analyse zeigt die sogenannten «white spaces» oder «leere Räume» auf – Kombinationen von chemischen Verbindungen, die noch nicht in Parfüms verwendet wurden. Das nutzt das Programm, um Vorschläge für neuartige Parfüms zu generieren, die bei den Konsumenten mit großer Wahrscheinlichkeit gut ankommen.
Zum Beispiel wurde Philyra vor die Aufgabe gestellt, ein 12 Jahre altes Parfüm neu zu interpretieren. Der lernfähige Algorithmus entfernte dafür die nicht mehr zeitgemäßen Komponenten aus der Formel und erhöhte die Konzentration der gerade im Trend liegenden Sandelholznote. Unerwartet für die Experten traf das Programm selbständig die Entscheidung, eine weitere Holzkomponente in den Duft einzuarbeiten – das ebenfalls gerade sehr beliebte Zedernholz.
Einem professionellen Parfümeur steht die Palette von ca. 3.000 Duftstoffen zur Verfügung. Eine fertige Komposition kann sieben bis mehrere hundert verschiedene Aromamoleküle enthalten. Die Anzahl der möglichen Kombinationen ist so gewaltig, dass der Kreativität praktisch keine Grenzen gesetzt sind.
Philyra produziert jedoch nicht einfach Neues. Das Programm weiß, welche Komponenten einander ähnlich sind und gegen einander ausgetauscht werden können. Es berücksichtigt auch, welche Stoffe miteinander gut, und welche gar nicht kombinierbar sind. Denn das Ziel sind nicht nur neue Formeln, sondern vielmehr Düfte, die für die Menschen angenehm sind.
Eine der Funktionen des Programms ist der «Kreativitätsschalter». Je nach Aufgabe kann der Parfümeur Werte von 0 bis 10 einstellen. Bei 0 analysiert Philyra die Vorlieben und die historischen Daten der Zielgruppe und macht Mainstream-Vorschläge mit dem größten Popularitätpotenzial. Wählt man dagegen 10, schaut sich die Software viel weiter um und generiert wirklich ungewöhnliche seltene Kombinationen. Automatisierte Kreativität.
Philyra 2.0: besser, schneller, nachhaltiger
Im Sommer 2022 stellte Symrise dem Fachpublikum die neuste Version der Philyra KI vor – Philyra 2.0. Dieses Computermodell wurde darauf trainiert, bei den Vorschlägen der Duftkompositionen vor allem auf die Nachhaltigkeit der Inhaltsstoffe zu achten.
So bevorzugt das Programm umweltfreundliche und nachwachsende Rohstoffe aus der breiten Palette von Symrise. Das passt zu der Zeit, in der die Verbraucher immer mehr Wert auf die Umweltfreundlichkeit der Produkte legen, und gefühlt jede zweite Parfümmarke mit Nachhaltigkeit wirbt, sei es bei der Verpackung oder den Duftmolekülen.
Der neue verbesserte Algorithmus kann sowohl neue nachhaltige Düfte komponieren, als auch bestehende Formeln auf Umweltfreundlichkeit hin optimieren. Zum Beispiel, indem er Vorschläge macht, wie man bereits verwendete chemische Verbindungen durch andere erneuerbare oder biologisch nachwachsende Komponenten ersetzten kann, ohne das Dufterlebnis zu beeinträchtigen.
In einem Punkt hat sich die Künstliche Intelligenz aber nicht verändert – auch das Upgrade 2.0 braucht einen menschlichen Experten, der das letzte Wort hat, und die finale Formel noch mal anfasst, um die Balance zu perfektionieren. Die Erfahrung und das Gefühl eines echten Parfümeurs kann die KI noch nicht ersetzten.
Seit 2022 arbeiten alle Fine Fragrance Parfümeure von Symrise mit Philyra 2.0. Auch wenn der Mensch das Sagen hat, steckt nun in jedem Parfüm, das wir in den Regalen der Beauty-Geschäfte sehen, ein bisschen KI mit drin.
Die ersten KI-generierten Parfüms: wo kann man sie testen?
Der erste Auftrag für Philyra kam von einem der größten brasilianischen Kosmetikkonzerne O Boticario. Sie brauchten zwei neue Parfüms für Millennials – Egeo On You & Egeo On Me. KI analysierte, was bei dieser Zielgruppe in den letzten Jahren gut ankam, und machte einige Vorschläge. Das Team von Symrise grenzte die Auswahl ein und verpasste den Favoriten den letzten Schliff.
Eins der beiden Parfüms vereint die Aromen von exotischen Gewürzen mit einer milchig-sahnigen Basis. Ein Mitarbeiter von Symrise gab zu, dass die Mischung so unerwartet und neu sei, dass die Menschen auf sie höchstwahrscheinlich nicht gekommen wären. Die Komponenten gehörten nicht zu der üblichen Palette der Duftstoffe, mit der ein Parfümeur arbeiten würde. Der zweite Duft ist für junge Mädchen bestimmt und besteht aus Duftblüten, Toffee, Litschi und Patschuli.
Beide Aromen wurden bei Fokusgruppen getestet, wo sie auf enorme Begeisterung stießen. Selbst dann, wenn sie gegen die aktuellen brasilianischen Bestseller antraten. O Boticario hat die neuen Parfüms 2019 auf den Markt gebracht.
Ebenfalls 2019 führte Symrise ein Experiment in Bikini Berlin durch, bei dem mit Hilfe von 4300 Teilnehmern Philyra KI den Duft Berlin #3.0 entwickelte. Zunächst gab man Philyra die Aufgabe, anhand der Beschreibungen die Düfte für verschiedene Berliner Bezirke zu errechnen. Dabei wurde die künstliche Intelligenz vom Senior Perfumer Marc vom Ende unterstützt.
Danach verlagerte sich die Action in die Mall Bikini Berlin. Während des Aktionszeitraums bat man die Besucher, ihre Eindrücke über das Parfüm von Berlin mit den vorbereiteten Düften der Kieze abzugleichen und zu entscheiden, welcher dem Feeling der Großstadt näher kommt. Anhand dieser Daten passte die KI die Komposition den Meinungen der Befragten dynamisch an, bis am Ende das experimentelle Parfüm #Berlin 3.0 entstand.
Symrise feierte das #Berlin 3.0 Parfüm (welches nie serienmäßig produziert wurde, was ich schade finde) als einen Meilenstein, was die Interaktion mit dem Endkunden angeht. Es stimmt, direkter geht es kaum. Man darf nur nicht vergessen, dass das Endergebnis immer noch von einem menschlichen Parfümeur in eine harmonische Form gebracht werden musste.
Weitere kommerzielle Projekte folgten. 2021 launchte der südamerikanische Konzern Belcorp das Männerparfüm Esika Kalos Tech, das zu 100% von Philyra entwickelt wurde. 2022 kam in Thailand AI Awakening Cologne von Tros (gehört zu Neo Corporation) auf den Markt.
Wie man merkt, sind es die Marken im unteren Preissegment, die bei der Verwendung von AI den Ton angeben. Das liegt zum Teil daran, dass die Nischenbrands, die über Jahrzehnte den Parfümeur als Künstler und Schöpfer zelebrierten und die menschliche Kreativität so zum zentralen Alleinstellungsmerkmal erhoben, ihre Schwierigkeiten haben, den Einsatz von Artificial Intelligence zuzugeben und zu rechtfertigen. Die Computer-Effizienz der AI steht im Widerspruch zu ihrem künstlerischen Image.

Seitdem Symrise 2022 offiziell verkündet hat, dass ALLE seine Fine Fragrance Parfümeure Philyra 2.0 bei ihrer Arbeit nutzen, kann man davon ausgehen, dass auch in den exklusiven Düften der gehobenen Preiskategorie KI-Leistungen drin steckt. Zu groß sind die Vorteile – die Geschwindigkeit und die Breite der Rohstoffpalette, die ein neuronales Netzwerk in die Arbeit miteinbeziehen kann.
Wie groß die Rolle von Algorithmen bei dem jeweiligen Duft tatsächlich war – ob der Parfümeur sich vom Programm Inspiration und Denkanstöße holte, oder die von der Maschine vorgeschlagene Formel lediglich etwas anpasste – wird aber nur in seltensten Fällen offen an die Kunden der Edelparfümmarken kommuniziert.
Zum Beispiel, wurde die Codex KI von IFF eingesetzt, um zwei Düfte für das Nischenhaus Vyrao zu kreieren (The Sixth und Sun Rae). Auf der Webseite der Marke sucht man jedoch vergeblich nach Erwähnung von künstlicher Intelligenz. Stattdessen liest man in den Duftbeschreibungen, dass die Parfüms „Herkimer Diamantkristalle“ enthalten, die von der hauseigenen Heilerin „aufgeladen“ wurden. Die Marke zieht es also vor, auf fragwürdige Esoterik statt echter Technologie als Verkaufsargument zu setzten.
Ob zu 100% oder nur zu 5% – ein von KI generiertes Parfüm ist keinesfalls „schlechter“ oder „minderwertiger“ als ein komplett menschengemachtes. Es geht nur um Emotionen und Gefühle, welche wir mit dem Einsatz von Technik im Vergleich zur Handarbeit verbinden. Und bei einem so emotionalen Produkt wie Parfüm kann es beim Kauf eine ausschlaggebende Rolle spielen.
KI und die Parfüm-Zukunft: Folgen und Veränderungen
KI und Arbeitsplätze: es werden weniger?
Symrise betont, dass man sich keine Sorgen um die Arbeitsplätze in der Parfüminindustrie machen müsse. Indem er die historischen Daten und Verkaufszahlen nutzt, um white spaces zu erkennen, kann der Algorithmus lediglich Prognosen über potenzielle Hits für den einen oder anderen Markt machen. Die Formeln mit den größten Erfolgsaussichten müssen nach wie vor von Menschen bewertet und verfeinert werden. Philyra will den Menschen nicht ersetzten.
Vertreten durch Claire Viola, VP Digital Strategy Fragrance, stellt Symrise das Programm eher als einen Lehrling dar, der Erfahrung sammelt, assistiert und die monotonen Routinearbeiten erledigt, damit die Meister-Parfümeure sich ihrer eigentlichen Aufgabe widmen können – die interessanten neuen Duftkompositionen bewerten, verfeinern und wirklich kreative Parfüms produzieren. Und das alles, ohne Zeit fürs tausendfache Testen und lange Suche nach neuen Möglichkeiten zu verlieren. Der Mensch hat immer noch das letzte Wort bei der Entscheidung, was auf den Markt kommt. Ohne seine Erfahrung und Talent geht es nicht.
Ich glaube jedoch, dass die politisch korrekte Formulierung eine Gefahr für den Beruf des Parfümeurs schönzureden versucht. Wenn künstliche Intelligenz einen Teil der Lehrlinge und Praktikanten ersetzt, wie sollen Menschen dann überhaupt Erfahrungen sammeln, um Meister ihres Fachs zu werden? Ich befürchte, dass die Zahl der Ausbildungsplätze bei den großen Firmen zurückgehen wird.
Erfahrene Parfümeure teilen meine Sorge. Bei Gesprächen mit einigen der bekanntesten Nasen, die ich während der TFWA 2023 Messe in Cannes geführt habe, hörte ich immer wieder denselben Gedanken: während die bereits in ihrem Beruf etablierten Profis nichts zu befürchten haben, wird das Leben für angehende Parfümeure, die gerade dabei sind, ihr Studium zu absolvieren, deutlich komplizierter.

Alle großen Duftstofffirmen wie Symrise und Givaudan bilden aus. Jährlich bekommt ein knappes Dutzend neuer Talente die Chance, bei diesen Unternehmen als Lehrling bei einem Master Perfumer einzusteigen. Die Idee ist, dass die Meister während täglicher gemeinsamer Arbeit ihre Erfahrung (die teilweise sehr speziell und nicht in formellen Lehrgängen abbildbar ist) an die junge Generation weitergeben.
Dabei nehmen die Lehrlinge den Meistern einen großen Teil von Vor- und Nachbereitungsaufgaben ab. Früher war es, zum Beispiel, so, dass alle Formelvarianten, die der Parfümeur testen wollte, von einem Lehrling in die Compounding-Abteilung getragen werden mussten.
Dort wurden sie entweder vom Lehrling, oder von den Abteilungsmitarbeitern Tropfen für Tropfen nach den genauen Mengenangaben zusammengemischt, um Testmuster zu erstellen. Dieser Prozess war von mehreren Wartepausen unterbrochen und konnte Stunden in Anspruch nehmen, die der/die Auszubildende in der Gesellschaft von Rohstoffspezialisten verbrachte. Naturgemäß fand dabei auf eine informelle Weise ein reger Erfahrungsaustausch statt. Dabei lernten die Auszubildenden viel mehr über Innovationen, Details und Besonderheiten vieler Inhaltsstoffe, als sie es bei einer formellen Präsentation je erfahren würden.
Dieser persönlicher Wissensaustausch ist unbezahlbar und nur dann möglich, wenn Menschen Zeit miteinander verbringen können. Natürlich gab es ihn nicht nur bei der Formelzusammenstellung, sondern in allen Bereichen. Schließlich hatten die Lehrlinge im Auftrag ihrer Ausbilder fast mit allen Abteilungen der Firma, vom Marketing bis Produktion, zu tun.
Mit fortschreitender Digitalisierung und KI Einsatz wird vieles einfacher und alles schneller. Heute läuft niemand mehr mit Formeln durch die Gänge. Stattdessen schickt man sie digital an den Compounding-Automaten, der das benötigte Muster innerhalb weniger Minuten mit höchster Präzision und ohne menschliches Zutun abfüllt. Es ist effizienter, spart Zeit und Kosten. Für den Auszubildenden bedeutet es aber den Verlust einer wertvollen Wissensquelle, denn er muss seinen Schreibtisch nicht mehr verlassen, um Zeit mit Kollegen aus anderen Bereichen zu verbringen.
Während man bei der Ausbildung früher gezwungenermaßen einen umfassenden Einblick in alle Prozesse von Innen bekam, sind die heutigen Lehrlinge viel engere Spezialisten, die weniger Chancen haben, über den Tellerrand zu schauen. Das hat auch Vorteile. Macht es ihnen aber schwieriger, kreative Lösungen zu finden, die Insights außerhalb ihrer unmittelbaren Kompetenz benötigen.
Außerdem waren die Auszubildenden früher tatsächlich notwendig, um die Arbeit des erfahrenen Parfümeurs zu ermöglichen. Denn sie füllten nicht nur Labsamples ab, sondern machten auch Vorschläge. Das übernimmt heute die KI. Ein Parfümeur in einem großen Unternehmen kommt heute auch ohne eine Schar Assistenten zurecht. Die Zahl der Auszubildenden wird auf ein Minimum reduziert, das das Unternehmen zur Sicherung des eigenen Mitarbeiterbestandes braucht. Es wird weniger gut bezahlte Ausbildungsplätze geben.
Der Einstieg in den Beruf wird somit deutlich schwieriger. Die Hürden sind heute schon hoch, in Zukunft werden sie für junge Menschen, die nicht aus einer Parfumdynastie kommen und es sich nicht leisten können, mehrere Jahre ohne eine ernsthafte Einkommensquelle Erfahrungen zu sammeln, noch höher werden.
Dass große internationale Beautykonzerne enormes Interesse am Einsatz von Computertechnologien bei der Produktentwicklung haben, ist verständlich. Der Markt bewegt sich mit rasanter Geschwindigkeit. Um nicht den Anschluss zu verlieren, muss man ununterbrochen neue Produkte herausbringen. Das Risiko Verkaufsflops zu landen ist groß. Es ist sehr verlockend, den an Fehleinschätzungen leidenden langsamen «menschlichen Faktor» auszuschließen und sich stattdessen auf die sekundenschnell arbeitende Software und riesige Datenbanken zu verlassen.
KI und Nachhaltigkeit: nicht das Hauptproblem
Der in Philyra 2.0 eingebaute Nachhaltigkeitsgedanke ist eine willkommene Entwicklung. Ich glaube aber, dass die Auswirkungen der Nutzung auf globaler Ebene vernachlässigbar klein sein werden.
Was Rohstoffe angeht, ist die Parfümbranche, zumindest auf der Ebene der Premium-Düfte, auch so schon eine Vorzeigeindustrie. Die großen Duftkonzerne investieren vor allem aus Eigeninteresse bereits enorme Summen in nachhaltigen Anbau der pflanzlichen Rohstoffe. Denn wenn die Blumen und die Bäume, die für die Parfümherstellung wichtig sind, wegen Klimakrise nicht mehr wachsen können, ist die Industrie am Ende.
Bei Parfüms kommt die meiste Umweltbelastung durch den Verpackungsmüll, und nicht durch den Einsatz „umweltfeindlicher“ Duftmoleküle zustande. Beim Thema Verpackung tut sich in den letzten Jahren zwar auch viel, aber die Industrie als ganzes ist noch weit davon entfernt, das Problem zu lösen. Leider kann eine KI, die sich mit Erschaffung von Duftformeln befasst, bei diesem Thema nichts beitragen.
KI und Dupes: Kopieren leicht gemacht
Eine der möglichen Anwendungen für die Künstliche Intelligenz könnte in der Entwicklung von Dupes, also zum Verwechseln ähnlicher Kopien von beliebten Parfüms liegen. Die Software könnte es ermöglichen, dabei keine Gefahr von Markenrechtsverletzungen zu laufen. Das Programm kann die Formeln analysieren und verändern. Sodass der Duft für die menschliche Wahrnehmung gleich bleibt, aber technisch gesehen keine genaue Kopie darstellt. Allerdings ist die Frage berechtigt, ob so ein Szenario zu begrüßen wäre.
Klasse und Masse: Verschärfung der Marktsegmentierung durch KI

Auch ist es nicht gegeben, dass die Preise für Parfüms sinken werden, obwohl der Einsatz von Software viel Zeit, Personal und Kosten sparen wird. Am meisten werden die Branchengiganten wie L’Oreal, Estee Lauder und Coty profitieren.
Die kleineren Spieler und Nischenparfümhäuser tasten sich an diese Technologie erst heran. Manche KI-Anwendungen bei der Parfümentwicklung kommen bereits heute auch bei kleinen Budgets in Frage (zum Beispiel, Scentmate by dsm-firmenich, das speziell für kleine Kunden konzipiert ist). Der Einsatz könnte aber aus ideologischen Gründen fragwürdig sein.
Wahrscheinlich wird sich die Parfümwelt noch stärker aufteilen. Es wird den riesigen Massenmarkt und eine noch exklusivere und teurere Nische geben. Gleichzeitig wächst der Druck, immer schneller neue Märkte mit immer mehr neuen Düften zu erobern. Das führt zu einer Angleichung mancher großen Nischenhäuser und der Designermarken.
Wie mit dem Essen – manche finden Tiefkühl- und Fertiggerichte O. K. und haben nichts gegen Fastfood und Franchise-Restaurantketten, weil diese Art der Ernährung erschwinglich, schnell und praktisch ist. Und andere würden nie einen Starbucks Kaffee trinken oder eine Tiefkühlpizza essen. Stattdessen sind sie bereit, deutlich mehr Geld und Zeit zu investieren, um der Herkunft ihrer Lebensmittel sicher zu sein und die Atmosphäre in schönen Restaurants zu genießen. Und haben nichts dagegen, dort auch Pommes (aber wenn schon, dann mit Trüffelsauce) zu bestellen.
Interessant, dass IBM das Programm nach der altgriechischen Mythologiefigur Philyra benannt haben, die angeblich die Göttin der Düfte war. Der Englische (und der deutsche) Wikipedia Eintrag schenkt aber viel mehr Aufmerksamkeit der Tatsache, dass Philyra einen Kentauren als Sohn gebar und dermaßen über das Äußere des Mutanten-Babys entsetzt war, dass sie es vorzog in eine Linde verwandelt zu werden, um das Kind bloß nicht ansehen zu müssen. Wir werden sehen, ob Software-Philyra ebenfalls schreckliche Parfüm-Mutationen hervorbringen wird.
Würdet ihr gerne die ersten Computer-Düfte testen? Ich muss gestehen, dass Gewürze auf Sahnebasis mich neugierig gemacht haben. Würde das Parfüm ausprobieren. Bin aber nicht sicher, ob ich die ganze Flasche kaufen würde. Irgendwie ist es mir beim Gedanken an automatisierte Kreativität auf Knopfdruck unbehaglich. Wobei der Fortschritt nicht mehr zu stoppen ist. Wahrscheinlich ist es reine Frage der Zeit, bis die Regale unserer Parfümerien voll mit von KI erstellten Kompositionen sind. Oder werden sich diese Parfüms auf dem Markt nicht durchsetzen, was denkt ihr?
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Sehr spannende Entwicklung. Als Laie denkt man gar nicht nach, was alles passieren muss, bevor man ein Parfüm riecht. Ich hoffe nur, dass wir Kreativität nicht durch Zahlen ersetzt bekommen. Das wäre schade. Ich kaufe schon länger bevorzugt Düfte von kleinen Marken oder Künstlern.
In der Tat, wir leben in spannenden Zeiten. Ich finde es klasse, dass Menschen wie Du Künstler und kleinere Marken unterstützen. Wir müssen uns die Vielfalt und Menschliche Kreativität auf jeden Fall erhalten.