Künstliche Intelligenz Philyra hat gelernt Parfüms zu machen. Das erste «Computerparfüm» aus der Kooperation von IBM und Symrise kommt 2019 in Brasilien auf den Markt. Müssen die Parfümeure nun um ihre Jobs fürchten? Und sollten wir, die Verbraucher, uns auf das Zeitalter von geklonten seelenlosen Düften einstellen? Oder bringt diese Technologie neuen Schwung in den Markt und erweitert die Palette um originelle und noch nie da gewesene Kreationen? Analyse der Nachricht, deren Konsequenzen die Zukunft der Parfüm-Industrie für immer verändern werden!

IBMIBM Research und der Duftstoffproduzent Symrise haben gemeinsam das erste Parfüm mithilfe von künstlicher Intelligenz kreiert. Das KI Programm Philyra analysierte die Datenbanken von Symrise, die durch 200 Jahre erfolgreicher Arbeit auf dem Duftmarkt entstanden sind. Dabei schaute das neuronale Netzwerk sich die 1,7 Millionen chemische Formeln, Informationen über deren kommerziellen Erfolg in unterschiedlichen Ländern bei verschiedenen Käufergruppen, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Duftfamilie (holzig, blumig usw.), Genderzuschreibungen und den Grad, zu welchem die Menschen den Duft im Allgemeinen als angenehm empfinden, an. Die Analyse zeigte die sogenannten «white spaces» oder «leere Räume» auf – Kombinationen von chemischen Verbindungen, die noch nicht in Parfüms verwendet wurden. Das nutzt das Programm, um Vorschläge für neuartige Parfüms zu generieren, die bei den Konsumenten mit großer Wahrscheinlichkeit gut ankommen.

Zum Beispiel wurde Philyra vor die Aufgabe gestellt, ein 12 Jahre altes Parfüm neu zu interpretieren. Der lernfähige Algorithmus entfernte dafür die nicht mehr zeitgemäßen Komponenten aus der Formel und erhöhte die Konzentration der gerade im Trend liegenden Sandelholznote. Unerwartet für die Experten traf das Programm selbständig die Entscheidung, eine weitere Holzkomponente in den Duft einzuarbeiten – das ebenfalls gerade sehr beliebte Zedernholz.

Einem professionellen Parfümeur steht die Palette von ca. 3.000 Duftstoffen zur Verfügung. Eine fertige Komposition kann sieben bis hundert verschiedene Aromamoleküle enthalten. Die Anzahl der möglichen Kombinationen ist so gewaltig, dass der Kreativität praktisch keine Grenzen gesetzt sind. Aber Philyra produziert nicht einfach Neues. Das Programm weiß, welche Komponenten einander ähnlich sind und gegen einander ausgetauscht werden können. Es berücksichtigt auch, welche Stoffe miteinander gut, und welche gar nicht kombinierbar sind. Denn das Ziel sind nicht nur neue Formeln, sondern vielmehr Düfte, die für die Menschen angenehm sind.

Bei Symrise glaubt man, dass der Einsatz von künstlicher Intelligenz die erste wirkliche Innovation in der Parfümindustrie seit den 1980ern ist, als man anfing synthetische Moleküle in Parfüms einzubauen. Normalerweise dauert die Entwicklung eines neuen Duftes sechs Monate bis vier Jahre. Philyra brauchte nur einige Tage um paar neue und interessante Ideen zu entwickeln. Der Algorithmus probiert ständig neue Variationen aus und optimiert diese. Ein unermüdlicher Ideengenerator.

Eine der Funktionen des Programms ist der «Kreativitätsschalter». Je nach Aufgabe kann der Parfümeur Werte von 0 bis 10 einstellen. Bei 0 analysiert Philyra die Vorlieben und die historischen Daten der Zielgruppe und macht Mainstream-Vorschläge mit dem größten Popularitätpotenzial. Wählt man dagegen 10, schaut sich die Software viel weiter um und generiert wirklich ungewöhnliche seltene Kombinationen. Automatisierte Kreativität.

Der erste Auftrag für Philyra kam von einem der größten brasilianischen Kosmetikkonzerne O Boticario. Sie brauchten zwei neue Parfüms für Millennials. KI analysierte, was bei dieser Zielgruppe in den letzten Jahren gut ankam, und machte einige Vorschläge. Das Team von Symrise grenzte die Auswahl ein und verpasste den Favoriten den letzten Schliff.

Eins der beiden Parfüms vereint die Aromen von exotischen Gewürzen mit einer milchig-sahnigen Basis. Ein Mitarbeiter von Symrise gab zu, dass die Mischung so unerwartet und neu sei, dass die Menschen auf sie höchstwahrscheinlich nicht gekommen wären. Die Komponenten gehörten nicht zu der üblichen Palette der Duftstoffe, mit der ein Parfümeur arbeiten würde. Der zweite Duft ist für junge Mädchen bestimmt und besteht aus Duftblüten, Toffee, Litschi und Patschuli.

Beide Aromen wurden bei Fokusgruppen getestet, wo sie auf enorme Begeisterung stießen. Selbst dann, wenn sie gegen die aktuellen brasilianischen Bestseller antraten. O Boticario bringt die neuen Parfüms 2019 auf den Markt.

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Viele andere große Firmen überlegen ebenfalls dem Beispiel von O Boticario zu folgen und künstliche Intelligenz an Entwicklung neuer Produkte zu beteiligen. Der Algorithmus von Philyra ähnelt dem Programm von IBM, welches 2011 in Jeopardy gewann und unter dem Namen Chef Watson neue Gerichte auf den Teller zaubert.

Symrise ist auch generell ein ziemlich innovatives Unternehmen. Erst vor kurzem haben sie 6 Millionen Dollar in das Start-Up Phlur investiert. Die Firma vermarktet ihre ökologisch und gesundheitlich sauberen Parfüms ausschließlich online anhand der musikalischen Präferenzen der Konsumenten. (Mir hat die Webseite von Phlur sehr gefallen. Jedes Parfüm hat eine eigene Playlist, die komplette Inhaltsliste (in der Parfümwelt etwas wahrlich Einzigartiges!), die Beschreibungen sind auf den Punkt und mit der richtigen Dosis Ironie versehen (und haben eine interessante Klassifikationskategorie «Gewicht»). Würde gerne ein Sample Set bestellen, aber die Jungs und Mädels liefern leider nicht außerhalb der USA, so schade!)

Symrise betont, dass man sich keine Sorgen um die Arbeitsplätze in der Parfüminindustrie machen müsse. Indem er die historischen Daten und Verkaufszahlen nutzt, um white spaces zu erkennen, kann der Algorithmus lediglich Prognosen über potenzielle Hits für den einen oder anderen Markt machen. Die Formeln mit den größten Erfolgsaussichten müssen nach wie vor von Menschen bewertet und verfeinert werden. Philyra will den Menschen nicht ersetzten.

IBM und Symrise sehen das Programm eher als einen Lehrling, der Erfahrung sammelt, assistiert und die monotonen Routinearbeiten erledigt, damit die Meister-Parfümeure sich ihrer eigentlichen Aufgabe widmen können – die interessanten neuen Duftkompositionen bewerten, verfeinern und wirklich kreative Parfüms produzieren. Und das alles ohne Zeit fürs tausendfache Testen und lange Suche nach neuen Möglichkeiten zu verlieren. Der Mensch hat immer noch das letzte Wort bei der Entscheidung, was auf den Markt kommt. Ohne seine Erfahrung und Talent geht es nicht.

Ich glaube jedoch, dass die politisch korrekte Formulierung eine Gefahr für den Beruf des Parfümeurs schönzureden versucht. Wenn künstliche Intelligenz Lehrlinge und Praktikanten ersetzt, wie sollen Menschen dann überhaupt Erfahrungen sammeln, um Meister ihres Fachs zu werden? Ich befürchte, dass die Zahl der Ausbildungsplätze bei den großen Firmen zurückgehen wird.

Dass große internationale Beautykonzerne enormes Interesse am Einsatz von Computertechnologien bei der Produktentwicklung haben, ist verständlich. Der Markt bewegt sich mit rasanter Geschwindigkeit. Um nicht den Anschluss zu verlieren, muss man ununterbrochen neue Produkte herausbringen. Das Risiko Verkaufsflops zu landen ist groß. Es ist sehr verlockend den an Fehleinschätzungen leidenden langsamen «menschlichen Faktor» auszuschließen und sich stattdessen auf die sekundenschnell arbeitende Software und riesige Datenbanken zu verlassen.

Eine der möglichen Anwendungen für Philyra könnte in der Entwicklung von Dupes, also zum Verwechseln ähnlicher Kopien von beliebten Parfüms liegen. Die Software könnte es ermöglichen, dabei keine Gefahr von Markenrechtsverletzungen zu laufen. Das Programm kann die Formeln analysieren und minimal verändern. Sodass der Duft für die menschliche Wahrnehmung gleich bleibt, aber technisch gesehen keine genau Kopie darstellt. Allerdings ist die Frage berechtigt, ob so ein Szenario zu begrüßen wäre.

Auch ist es nicht gegeben, dass die Preise für Parfüms sinken werden, obwohl der Einsatz von Software viel Zeit, Personal und Kosten sparen wird. Am meisten werden die Branchengiganten wie L’Oreal, Estee Lauder und Coty profitieren. Die kleineren Spieler und Nischenparfümhäuser werden diese Technologie in absehbarer Zukunft nicht verwenden. Erstens aus ideologischen Gründen und zweitens aus finanziellen – sie ist noch zu teuer. Wahrscheinlich wird sich die Parfümwelt noch stärker aufteilen. Es wird den riesigen Massenmarkt und eine noch exklusivere und teurere Nische geben.

Wie mit dem Essen – manche finden Tiefkühl- und Fertiggerichte O. K. und haben nichts gegen Fastfood und Franchise-Restaurantketten, weil diese Art der Ernährung erschwinglich, schnell und praktisch ist. Und andere würden nie einen Starbucks Kaffee trinken oder eine Tiefkühlpizza essen. Stattdessen sind sie bereit deutlich mehr Geld und Zeit zu investieren, um der Herkunft ihrer Lebensmittel sicher zu sein und die Atmosphäre in schönen Restaurants zu genießen.

Interessant, dass IBM das Programm nach der altgriechischen Mythologiefigur Philyra benannt haben, die angeblich die Göttin der Düfte war. Der Englische (und der deutsche) Wikipedia Eintrag schenkt aber viel mehr Aufmerksamkeit der Tatsache, dass Philyra einen Kentauren als Sohn gebar und dermaßen über das Äußere des Mutanten-Babys entsetzt war, dass sie es vorzog in eine Linde verwandelt zu werden, um das Kind bloß nicht ansehen zu müssen. Wir werden sehen, ob Software-Philyra ebenfalls schreckliche Parfüm-Mutationen hervorbringen wird.

Würdet ihr gerne die ersten Computer-Düfte testen? Ich muss gestehen, dass Gewürze auf Sahnebasis mich neugierig gemacht haben. Würde das Parfüm ausprobieren. Bin aber nicht sicher, ob ich die ganze Flasche kaufen würde. Irgendwie ist es mir beim Gedanken an automatisierte Kreativität auf Knopfdruck unbehaglich. Möchte diese Idee nicht mit eigenem Geld unterstützen. Wobei der Fortschritt nicht mehr zu stoppen ist. Wahrscheinlich ist es reine Frage der Zeit, bis die Regale unserer Parfümerien voll mit von KI erstellten Kompositionen sind. Oder werden sich diese Parfüms auf dem Markt nicht durchsetzen, was denkt ihr?

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