Naturkosmetik: Pro und Contra. Teil 1 über die Künstlichkeit des Natürlichen

Ich benutze keine Naturkosmetik. Das ist kein Zufall, sondern eine bewusste Entscheidung, die ich trotz des Trends zu der «natürlichen» Hautpflege getroffen habe. In dieser Artikelreihe möchte ich erklären, warum ich Naturkosmetik in jeder Hinsicht für unterlegen halte. Im ersten Teil zeige ich, warum selbst die Aufteilung in «natürliche» und «chemische» Kosmetik keinen Sinn ergibt.

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Die Naturwelle breitet sich in der Kosmetikwelt aus

Internet ist voll von Beiträgen von «Experten» und Bloggern darüber, wie gut die «natürliche» Hautpflege im Vergleich zu der konventionellen ist. Listen der Inhaltsstoffe werden zerpflückt, Marken kritisiert und Substanzen verteufelt. Manchmal habe ich den Eindruck, dass diese Naturwelle schon zum Mainstream geworden ist und gar nicht mehr hinterfragt wird. Selbst ZDF bringt Abends ganz selbstverständlich Reportagen über die schädlichen Parabene. (An dieser Stelle Pfui an das öffentlich-rechtliche Fernsehen; die Reporter werden dort wirklich gut genug dafür bezahlt, dass sie für die Sendungen tatsächlich auch mal recherchieren und nicht nur unreflektiert das wiederholen, was die Organisationen der Naturkosmetikherseller auf ihren Webseiten schreiben).

Teil 2 der Reihe über Naturkosmetik finden sie hier.

Also hier meine Stimme der Vernunft.

1. Als allererstes: die Unterscheidung und Gegenüberstellung von «natürlichen» und «chemischen» Mitteln zur Hautpflege ist falsch, da sie keine faktische Grundlage besitzt. Vielmehr wird künstlich eine Grenze gezogen um die Drogerie- und Parfümerieregale in gut und böse aufzuteilen und Argumente für das eigene Produktangebot zu generieren. Denn es sind ja immer die Hersteller von Naturkosmetik, die darauf pochen die besseren zu sein.

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Alles um uns herum ist Chemie. Auch die Kastanienblüten

Ich finde die um sich greifende Chemiephobie beängstigend. Damit meine ich die pauschale Angst vor allem, was «chemisch» klingt, und die nicht begründete Vorliebe für alles vermeintlich natürliche. Substanzen mit komplizierten Namen werden als künstlich, falsch, schädlich und gefährlich wahrgenommen. Dafür werden die natürlich klingenden Inhaltsstoffe umso positiver gesehen – als echt, rein, authentisch, gesund und wirksam. So eine Einstellung ist schlichtweg falsch und primitiv, sie ignoriert den Fortschritt, den die Menschheit seit dem Mittelalter erreicht hat.

Tatsache ist, dass alles, was uns umgibt – reine Chemie ist. Selbst der Apfel aus dem eigenen Garten auf dem Land ganz weit weg von Straßen und Industrie besteht aus Tausenden von komplexesten chemischen Verbindungen. Darunter Parabene, Blei und Nitrate. Aber das macht ihn nicht weniger lecker und gesund.

Das Begriffspaar Natur vs. Chemie wird künstlich als ein Gegensatz dargestellt. In Wirklichkeit ist es eins und dasselbe, und das ist auch gut so. Man muss wissen, womit man es zu tun hat, aber Angst braucht man vor der Chemie nicht zu haben.

2. Zweitens: alle wirksamen kosmetischen Komponenten, egal ob «natürlich» oder «chemisch», haben denselben Ursprung – der Weg in den Tiegel fängt im Chemielabor an.

Die Pflanzen sind nämlich furchtbare Egoisten. Ihnen ist es egal, wie wir aussehen. Das einzige, wofür sie sich interessieren, ist das eigene Überleben und die Fortpflanzung. Sie wollen Fressfeinde abschrecken, Insekten anlocken und im bestimmen Klima überleben. Faltenbekämpfung, Teintauffrischung und Pigmentfleckenannihilation stehen nicht auf deren Aufgabenliste.

Es existiert keine Beere gegen Falten, keine Wurzel für die Hautfestigkeit und keine Blüte zur Porenverkleinerung. Falls die Pflanzen etwas enthalten, was wir Menschen für unsere Schönheitszwecke verwenden können, ist es purer Zufall, Nebenprodukt der Evolution.

Deswegen befinden sich alle wertvollen Inhaltsstoffe in den Früchten und Blättern in für uns unbrauchbaren Formen. Schließlich sind sie auch gar nicht für uns bestimmt, sondern für die Aufgaben der Pflanzen selber. Bevor man die ganzen Wirkstoffe sinnvoll in den Pflegeprodukten einsetzen kann, müssen sie den Pflanzen in komplexen Verfahren entlockt und freigesetzt werden.

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Münzen für Geldvermehrung zu pflanzen ist genauso sinnlos wie sich Obst ins Gesicht zur Faltenbekämpfung zu schmieren

Hier ein Beispiel. Möhren sind reich an Vitamin A. Es ist einer der potentesten anti-age Wirkstoffe überhaupt. Doch sich das Gesicht mit Karottenpüree einzureiben und auf Verjüngung zu warten ist genauso sinnlos, wie Münzen in der Erde zu vergraben und zu hoffen, dass dort ein Geldbaum mit Scheinen auf den Ästen wächst. Wird einfach nicht passieren. Denn Vitamin A in den Möhrchen ist ein Teil von großen Verbindungen von vielen Substanzen, mit denen unsere Haut nichts anzufangen weiß. Unser Verdauungstrakt hat eine sehr saure Umgebung und viele Enzyme, die dabei helfen Tausende von Verbindungen, die wir mit dem Essen aufnehmen, in Einzelteile aufzuspalten. Die Haut hat diese Hilfsmittel nicht. Auf die Haut aufgetragen bleiben die anti-age Substanzen unzugänglich.

Es ist, als ob man einem Hungrigen ein großes Festmahl in Konservendosen servieren würde, ohne einen Dosenöffner da zu lassen. Das Dinner ist ganz klar auf dem Tisch. Doch für den Gast ist es unmöglich den Hunger damit zu stillen.

Um die Wirkstoffe für die Haut freizusetzen und wirksame Pflegemittel herzustellen muss man die pflanzlichen Rohstoffe aufspalten. Je nach Inhaltsstoff und botanische Art ist es mal mehr, mal weniger aufwendig. Aber ganz ohne Verarbeitung geht es nicht. Und sie geschieht genau an dem Ort, den die Liebhaber von Naturkosmetik so gerne meiden würden – im Chemielabor.

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Um wirksam für die Haut zu sein, müssen Pflanzenstoffe chemisch aufgespaltet werden

Also, wenn man sich nicht nur Natürlichkeit um der Natürlichkeit Willen wünscht, sondern Kosmetik, die etwas taugt, kommt man an der chemischen Verarbeitung der Rohstoffe nicht vorbei.

Und da ist meine persönliche Meinung, dass es viel einfacher ist ein künstlich synthetisiertes reines Vitamin A zu nehmen, als zu versuchen dasselbe Ergebnis auf einem viel aufwendigeren und teurem Weg zu erreichen.

Im nächsten Teil werde ich erklären, warum die Kosmetik nicht wirksam, natürlich und günstig gleichzeitig sein kann. Das Ziel der Reihe ist es nicht die Naturkosmetik schlecht zu reden. Ich will eine objektive und kritische Sichtweise darstellen, die in der Fülle der begeisterten Lobgesänge in den Medien unterzugehen droht.

Benutzt ihr Naturkosmetik? Bei mir habe ich außer paar Proben, die ich beim Einkaufen bekam, nur ein Duschgel entdeckt. Und das mag ich übrigens, es duftet herrlich.

P.S. Teil 2 der Reihe über Naturkosmetik ist hier. Dort erzähle ich über die fehlenden Wirksamkeit und Sicherheit.

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